Wenn Elvira Henow (57) morgens die Tür zur Villa öffnet, in der ihr Arbeitstag beginnt, dann ist das für sie mehr als nur der Start in den Tag. Der Duft von frischem Kaffee, der Klang der Schritte im Flur – all das erinnert sie an früher. Denn genau hier, im Haus St. Norbert, ist sie aufgewachsen. Mit vier Jahren kam sie als kleines Mädchen in die Kindergruppe, die damals im heutigen Verwaltungsgebäude untergebracht war. Heute, mehr als fünfzig Jahre später, arbeitet sie hier – als festangestellte Reinigungskraft.
„In der Villa haben sieben oder acht Kinder gewohnt“, erzählt Elvira lächelnd. „Wir hatten Doppelstockbetten und haben viel zusammen gespielt.“ Die Erinnerungen an das gemeinsame Toben im Garten und das herzliche Miteinander sind warm und lebendig. Die Ordensschwestern und Betreuerinnen waren für sie wie eine zweite Familie. „Ich habe sie sehr lieb gehabt. Sie waren immer für uns da.“
Der Alltag war strukturiert – aber nie langweilig. Vormittags ging es oft raus an die frische Luft: Spaziergänge, kleine Lernspiele, Jahreszeiten beobachten, Bäume bestimmen oder Knöpfe annähen üben – alltagsnah und mit viel Geduld. „Ich war gerne draußen“, erinnert sich Elvira. „Auch im Winter – wir waren rodeln und haben Schneemänner gebaut.“ Schon als Kind packte sie überall mit an. Im großen Garten half sie beim Bohnenputzen, Kochen oder Aufräumen. „Wir haben viel über Hauswirtschaft gelernt. Jeder hatte seine Aufgaben.“ Später als Jugendliche, im Dominikushaus, übernahm sie immer mehr Verantwortung – zum Beispiel beim Bewirten von Gästen. Kaffee kochen, Tische decken, Mahlzeiten zubereiten, Gästezimmer herrichten – Aufgaben, die sie mit Freude erledigte. „Mit der Zeit durfte ich vieles allein machen. Das hat mich richtig stolz gemacht.“
VERTRAUTE WEGE MIT NEUEN AUFGABEN
Dass sie heute dort arbeitet, wo sie groß geworden ist, bedeutet ihr viel. „Früher habe ich hier gespielt – jetzt arbeite ich hier. Das fühlt sich manchmal komisch an, aber auch schön.“ Heute sorgt Elvira dafür, dass die Büros, Tagesstrukturräume und die Villa sauber und ordentlich sind. Besonders gerne unterstützt sie auch die Gartenarbeit, die sie an die unbeschwerte Zeit ihrer Kindheit erinnert. Im Team fühlt sie sich rundum wohl. Sie freut sich über die kleinen Dinge – wie eine gemeinsame Kaffeepause mit Kolleginnen und Kollegen – und genießt das Gefühl, gebraucht und geschätzt zu werden. Die Feste mit den Mitarbeitenden sind für sie immer ein Highlight, weil sie dort sieht, wie viel sie erreicht hat und wie wertvoll jede einzelne Person im Team ist.
KLEINE ZIELE, GROSSE WIRKUNG
Inzwischen lebt Elvira mit ihrem Mann in einer eigenen Wohnung – beide meistern den Alltag selbstständig. Lesen und schreiben fallen ihr zwar nicht leicht, aber das hält sie nicht auf. Für sie zählt, dass sie eine sichere Arbeitsstelle,ein eigenes Zuhause und ein erfülltes Leben hat. „Ich komme gut klar und bin stolz auf das, was ich erreicht habe“, sagt sie selbstbewusst. Nach Feierabend locken das Freibad im Sommer, das Hallenbad und die Sauna im Winter – Schwimmen ist Elviras große Leidenschaft. Zum Jahresbeginn nimmt sie sich kleine Ziele vor: etwas Neues lernen, Dinge verbessern, dranbleiben.
ERINNERUNGEN, DIE BLEIBEN - UND BEGLEITEN
Mit Dankbarkeit blickt Elvira auf ihre Kindheit zurück: „Ich habe so viel gelernt, was mir heute im Leben hilft, wie z. B. Hauswirtschaft, Verantwortung tragen und Ordnung halten.“ Ihr besonderer Dank gilt den Ordensschwestern und Betreuerinnen, die ihr mit Herz und Verstand vieles beigebracht und sie auf ihrem Lebensweg begleitet haben. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehören die langen Spaziergänge, fröhlichen Musikstunden und die festlichen Gottesdienste in der kleinen Kapelle – Momente, die stets von einer besonderen, herzlichen Atmosphäre getragen wurden. Noch heute geht Elvira mit einem Lächeln durch die Villa. Man sieht: Sie ist angekommen – in ihrem Leben, in ihrer Arbeit und an dem Ort, der sie geprägt hat. Ein Ort, der einst ihr Zuhause war und es auf eine ganz neue Weise bis heute geblieben ist.